Kritische Sicht auf die Umsetzung von Weston Prices Erkenntnissen

Die Forschungen von Weston Price über die Traditionelle Ernährung wurden in den vergangenen Jahren wiederentdeckt und es gibt inzwischen mehrere Bücher amerikanischer Autoren, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Ramiel Nagel beispielsweise zeigt in „Karies Heilen“, wie auf der Grundlage von Weston Prices Erkenntnissen Zähne geheilt werden können. Sein Buch gilt als eines der beliebtesten in der „WP-Community“ und soll auch tatsächlich vielen Menschen geholfen haben, ihre Zahnprobleme in den Griff zu bekommen. Ich sehe viele Empfehlungen daraus allerdings etwas kritisch für eine langfristige Ernährung – beispielsweise wird zu extremem Fleisch- und Lebertran-Konsum geraten, während andere wissenschaftlich nachweislich als gesund eingestufte Lebensmittel wie Haferflocken verteufelt werden. Übrigens ist der Autor selbst sehr früh an Krebs gestorben – ich möchte es nicht auf seine etwas radikale Ernährungsweise schieben – aber als Anlass nehmen, die verschiedenen Interpretationen zu Weston Price kritisch zu hinterfragen (und das Werk am besten selbst im Original zu lesen).
Im Folgenden möchte ich ein paar Punkte diskutieren, mit denen ich in der Umsetzung von Weston Prices Erkenntnissen nicht zustimme.

1. Haferflocken
Ramiel Nagel spricht sich deshalb gegen den Konsum von den als gesund geglaubten Haferflocken aus, weil Hafer traditionell von den Schotten erst nach ausführlicher Fermentation gegessen wurde, da er ansonsten zu viele Anti-Nährstoffe enthält und dies Karies und Reizdarm hervorrufen kann. Dies führt dazu, dass in manchen „Traditionelle Ernährung“-Communities eine regelrechte Angst vor Haferflocken besteht. Generell wird z.B. von Sally Follon empfohlen, beim Kochen von Haferbreien die Flocken über Nacht in Sauermilch oder Wasser mit etwas Sauerteig einzuweichen, um sie bekömmlicher zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass ungekochte Haferflocken im Frühstück, wie dies erst seit dem Aufkommen der Vollwert-Ernährung üblich ist, nicht gut für die Verdauung ist – schmeckt auch nicht so gut wie gekocht! Aber Haferflocken als ungesund einzustufen und sie zu meiden finde ich übertrieben, denn:
1. Es gibt zahlreiche Studien, die die Gesundheit von Hafer bestätigen (z.B. laut Wikipedia: „Im Jahre 2004 wurden Ergebnisse einer klinischen Studie an Kindern, die an Zöliakie litten, veröffentlicht. Diese hatten über ein Jahr entweder eine glutenfreie Diät oder eine glutenfreie Diät mit täglich 25–50 g Hafer erhalten. Hierbei wurde festgestellt, dass kleine Mengen Hafer in der glutenfreien Diät weder die Heilung der Dünndarmschleimhaut noch die Regulation des Abwehrsystems verhindern.“)
2. Den Frischkorn-Brei, den Dr. Bircher bei den vor Gesundheit strotzenden Schweizer Bauern beobachtet hat, wird es wohl gegeben haben, und er war ebenfalls aus Hafer. Vielleicht ist er aber nur gesund für Menschen mit einer starken Verdauung.
3. Hafer ist regional und ökologisch sehr wertvoll, er wächst auch auf schlechten Böden. Es ist nur sinnvoll, ihn in Europa als Grundnahrungsmittel zu sehen. Allerdings weiß ich von meiner Oma, dass Hafer nach der Ernte viel schwieriger zu verarbeiten ist als anderes Getreide, da die Spelzen sich nur schwer lösen. Wie hat man das früher gemacht? Ich vermute, dass man aus diesem Grund zum leichteren Entspelzen das Getreide geröstet hat – so, wie ich mein Musmehl (eine tolle Haferflocken-Alternative) zubereite!

2. Histamin
Die Weston-Price-Interpretationen zu Traditioneller Ernährung fokusieren stark auf sehr histamin-haltige Lebensmittel – ob fermentiertes Gemüse, Sauerteig oder Knochenbrühe. Andere, sehr gesunde traditionelle Nahrungsmittel hingegen wie Wildkräuter, Sprossen, frische Salate oder Pilze werden kaum erwähnt…
Tatsächlich wurde früher meiner Meinung nach aber ausgewogener (und histamin-ärmer) gegessen – Gemüse wurde nur zur Haltbarmachung fermentiert und ansonsten bevorzugt frisch gegessen, Knochenbrühe gab es wohl vor allem nach dem Schlachten im Winter, und gesäuertes Getreide wurde bestimmt zumindest im selbem Maße wie ungesäuertes, geröstetes Getreide oder stärkehaltiges Knollengemüse gegessen. Wildkräuter, roh oder gekocht, waren ein wichtiger Bestandteil der Ernährung im Frühling.
Wenn heute in WP-Kreisen ein solches Übermaß an histamin-haltigen Nahrungsmittel empfohlen wird, während anderes, ebenfalls sehr gesunde Nahrungsmittel wenig beachtet wird, halte ich das für eine falsche Interpretation und auf lange Sicht hin nicht für gesund. Symptome für Histamin-Intoleranz können die Folge sein. In diesem Fall rät sogar die WPF dazu, Fermentiertes eine Zeit lang zu vermeiden. (https://www.westonaprice.org/health-topics/modern-diseases/hidden-in-plain-sight-histamine-problems/)

3. Lebertran
Wer sich heute über die „Traditionelle Ernährung“ nach Weston Price informiert, kommt nicht um das Thema Lebertran herum. Ich bin überzeugt davon, dass Lebertran gesund ist – aber vielleicht nicht für jeden notwendig, denn es gab viele Völker ohne Zugang zu Meer und Lebertran, die sich auch ohne gut gesund erhalten konnten. Den Ausmaß, in dem Lebertran in der „Community“ empfohlen wird, halte ich somit für kritisch. Besonders gelobt wird fermentierter Lebertran, den das amerikanische Unternehmen Green Pasture angeblich nach traditioneller Methode herstellt. Doch kann man Öl überhaupt fermentieren, oder wird es dadurch ranzig? Oxidation ist nämlich Gift für den Körper, ebenso wie zu viel Vitamin A. Wurde traditionell nicht frischer „extra-virgin“ Lebertran bevorzugt, und die Lebern nur wenn wirklich notwendig zur Haltbarmachung fermentiert? Wurde er wirklich das ganze Jahr über in rauen Mengen eingenommen, wie das jetzt teilweise empfohlen wird? Interessanterweise haben verhältnismäßig viele WPF-Mitglieder und feste Vertreter von fermentiertem Lebertran Krebs bekommen und sind gestorben, unter anderem, wie bereits erwähnt, Ramiel Nagel. Dies hat eine Debatte in der WPF selbst ausgelöst.

4. Saisonalität
Eine andere beliebte Autorin, die in ihrem Buch „Das Vermächtnis unserer Nahrung“ die Erkenntnisse von Weston Price aufgreift, ist Sally Follon. Ihr Buch ist tatsächlich interessant und man erfährt viel über Traditionelle Ernährung, auch aus anderen Quellen als WP. Aber, die Gerichte sind wirklich sehr reichhaltig: kaum ein Gericht kommt ohne tierische Produkte aus und gefühlt in alles kommt großzügig Butter und Sahne. Der „Russische Buchweizenbrei“ wird mit gesprossenem Buchweizen, Eiern, Butter und Hühnerbrühe ein komplett neues Gericht, wie es im Herkunftsland meines Wissens nach unbekannt ist. Warum mich das stört, ist nicht nur, dass unwissende Leser durch solche Angaben falsche historische Ideen bekommen. Milchprodukte waren früher saisonal und wurden nicht das ganze Jahr über in rauen Mengen verzehrt. Außerdem waren Fastenzeiten mit schlichten Gerichten zu verschiedenen Jahreszeiten in allen Kulturen verbreitet waren, sodass nicht das ganze Jahr über reichhaltig gegessen wurde. Wer das ganze Jahr über reichhaltig aß (zusätzlich zu Bewegungsmangel), waren die Könige, die sich folge dessen laut vielen Quellen keiner so ausgezeichneten Gesundheit erfreuten, wie die bäuerliche Schicht.
Ein Beispiel zum traditionellen Umgang mongolischer Nomaden mit Milchprodukten: „Im Frühling, wenn die Kühe kalben und am meisten Milch produzieren, verändert sich die Ernährungweise der Mongolen weg von Fleischlastigem hin zur Dominanz von Milchprodukten. Jedes Jahr wird dafür etwas Joghurt des Vorjahres aufgetaut („khöröngo“). Ein Teil davon wird über mehrere Tage zu frischer Milch gegeben, bis er wiederaktiviert ist. Mit dieser „Starterkultur“ können dann den ganzen Sommer über Milchprodukte hergestellt werden. Das „khöröngo“ wird von Generation zu Generation in speziellen Gefäßen aus Holz oder Tierhäuten weitergegeben. Auch diese tragen zum Erhalt der nützlichen Bakterien bei. Tatsächlich lässt sich das Wort „khöröngo“ wörtlich als Wohlstand oder Erbe übersetzen. Die Alten behaupten, dass der Umstieg auf fermentierte Milchprodukte im Sommer die Gifte ausschwemmen, die sich nach dem fleischlastigen Winter im Körper angesammelt haben.“ (Mehr dazu in diesem sehr empfehlenswerten Artikel hier.)

Was denkt ihr zu dem Thema, welche Punkte sehr ihr noch kritisch?

4 Kommentare zu „Kritische Sicht auf die Umsetzung von Weston Prices Erkenntnissen

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  1. Haferflocken, bzw. Müsli gehört zu den Nahrungsmitteln, die ich seit Jahren regelmäßig essen will, und wenn ich mir dann eine Packung gekauft habe, steht die teils Jahre lang rum. Dabei schmecken mir Haferflocken und Müsli, sind schnell zubereitet, ist ja nur warmes Wasser und ein Schuß Milch dazuzugeben, und machen mich satt. Und ich verschleime weniger, anders als beim Brot essen.

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    1. Bei Brot ist die Qualität so wichtig.. das Vollkorn-Brot von Bio-Bäckern ist sehr gut, die Körner frisch mit dem wertvollen Keimling vermahlen, Sauerteig statt Industrie-Hefe und lange Teigruhen für bessere Bekömmlichkeit. Da lohnt sich der höhere Preis! Hast du das schon mal probiert?

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