Ernährungswissenschaften auf Irrwegen

Die moderne Ernährungswissenschaft teilt die Bestandteile von Lebensmitteln in Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette auf, mit Kalorien als Maßeinheiten. Wer ein gesundheitliches Problem hat und googelt „was essen gegen …“, dem werden Listen von Vitaminen und Nährstoffen aufgelistet und passend dazu bestimmte Lebensmittel, die diese enthalten. Aber kann man etwas so chemisch komplexes und von der Natur über Jahrtausende so intelligent konstruiertes wie ein natürliches Lebensmittel wirklich in solch einfache Kategorien aufteilen?

Schauen wir uns mal eine typische Aussage an, wie sie zu tausenden im Internet kursiert: „Zink hilft gegen Haarausfall. Nüsse enthalten viel Zink. Das Essen von Walnüssen hilft gegen Haarausfall.“ Tatsächlich zeigen Laboranalysen, welch große Anzahl an Vitaminen, Mineralstoffen, Fetten und Proteinen in bestimmten Lebensmitteln enthalten sind. Was dabei jedoch vergessen wird ist, dass dem Labor ganz andere Extraktionsmethoden zur Verfügung stehen, als unserem Körper. Deshalb können die im Labor entnommenen Nährstoffe im Körper gar nicht so einfach aufgenommen werden, wie das oft dargestellt wird. Aus diesem Grund haben traditionell lebende Völker viele pflanzliche Nahrungsmittel einer bestimmten Vorbehandlung unterzogen (z.B. Fermentation), um die Nährstoffe besser verfügbar zu machen. Die alten Slawen beispielsweise haben Nüsse erstmal mehrere Tage bis Wochen in einem See eingeweicht und dann im Ofen getrocknet. Tatsächlich belegt auch die neuste Wissenschaft inzwischen, dass rohe Nüsse blähungsförderne Antinährstoffe enthalten und besser bekömmlich sind, nachdem sie eingeweicht und anschließend getrocknet wurden. Wer weiß, vielleicht verursachen Nüsse ohne Behandlung sogar noch mehr Haarausfall?

Wer in Schule oder Uni mal das Fach Statistik hatte, der weiß, wie einfach sich die Ergebnisse von Studien an die gewünschte Antwort anpassen lassen. Und wer sich ein bisschen mit Ernährungswissenschaften beschäftigt, wird bestimmt schon beobachtet haben, dass sich jede extreme Diät irgendwie wissenschaftlich rechtfertigen lässt. Veganer kommen mit unzähligen Studien auf, laut denen Fleisch und Milchprodukte Gift, Gemüse hingegen Krebs heilen kann. Anhänger fleischbasierter Ernährung finden gegenteilige Studien, die belegen, dass Gesundheit ohne Fleisch nicht erreichbar ist. Ebenso die Low-Fat-Bewegung versus fettliebender Low-Carb-Bewegung. All diese gegensätzlichen Sichtweisen lassen sich aus wissenschaftlicher Sicht erklären – Verwirrung darüber, was nun gesund ist, ist vorprogrammiert! Leider neigt auch die WPF-Community rund um die Traditionelle Ernährung dazu, ihre Sichtweise allzu dogmatisch mit verschiedenen wissenschaftlichen Ansichten zu verteidigen. Beispielsweise die Debatte um Rohmilch. Angeblich fehlt erhitzter Milch ein Enzym, durch welches Calcium erst verwertbar wird, weshalb sie laut manchen WPF-Autoren gemieden werden sollte. Eigentlich ist dies bei dem meisten Nahrungsmitteln so – in rohem Zustand sind sie vitamin- und nährstoffreicher. Doch gibt es genug Gründe, warum seit Jahrtausenden dennoch immer auch gekochte Nahrungsmittel konsumiert wurden – diese gelten als nahrhafter und leichter verdaulich. Bei vielen Diskussionsfragen gibt es aus wissenschaftlicher Sicht einfach keine richtige Antwort – weshalb zusätzlich ein Blick in die Geschichte Aufschluss geben kann.

Deshalb empfehle ich, nie dogmatisch oder verbissen eine Ansicht zu vertreten – und aus der Traditionellen Ernährung keinen Kult mit strengen Geboten und Verboten zu machen. Das menschliche Wissen ist so beschränkt, und Wahrheiten gibt es viele. Durch Offenheit, kritisches Denken und eigene Recherchen können wir selbst am besten beurteilen, welches wissenschaftliche oder historische Argument uns sinnvoll erscheint, und welches nicht.

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